Visionen im Alter - zwei faszinierende Porträts

Wieder ein neuer Aspekt, den ich in der Visionenarbeit entdeckt habe und der mich im positiven Sinne umtreibt: Visionen im Alter. Sie zu entdecken, zu leben, voranzutreiben bis zuletzt. Buchstäblich zuletzt. Denn ich frage mich, was mich bis ins hohe Alter lebendig halten könnte. Und mir begegnen immer mehr alte Menschen - in den Medien und in der Realität -, die mir darin Vorbild sein können.

 

Zwei wunderbare Filme dazu von zwei wunderbaren Frauen, die nicht anders können als arbeiten bis zur Bahre, weil ihre Arbeit sie erfüllt und ihnen Bedeutung gibt:

 

"Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin"  und "Die Frau mit den 5 Elefanten".

 

Im ersten Film begleitet die junge Filmemacherin Anna Ditges zwei Jahre lang die große Dichterin Hilde Domin mit ihrer Kamera. Eine Freundschaft entsteht während dieses Projektes und Hilde Domin lässt die Filmemacherin ganz nah an sich ran. Sie lässt sich begleiten bei einem Besuch in ihrem ehemaligem Elternhaus in Köln, beim Gang auf den Friedhof, auf dem ihr Ehemann begraben liegt, bei stillen Stunden in ihrer Wohnung. Sie erzählt aus ihrem Leben, das geprägt war durch das Exil während der Hitlerzeit, durch ihre Ehe und Kinderlosigkeit, und durch ihre Gedichte, die ihr zum Lebensinhalt wurden.

 

Der zweite Film handelt von Swetlana Geier, die die fünf großen Romane Dostojewskijs - "die 5 Elefanten" - vom Russischen ins Deutsche übersetzt hat. Auch eine Frau des Wortes, auch eine Frau, die das Leben in einem anderen Land geprägt hat. Man sieht, wie sich mit über 80 Jahren immer noch morgens an den Tisch setzt, um ihrer großen Leidenschaft, dem Übersetzen, zu widmen.

 

Es ist faszinierend, beide Filme zu sehen, mit ihren Parallelen und mit ihren Unterschieden. In beiden Filmen werden zwei starke Frauen gezeigt, die gar nicht anders können als ihre beruflichen Visionen zu leben. Es werden zwei Frauen gezeigt, die noch im hohen Alter körperlich so fit sind, dass sie sich in ihren eigenen vier Wänden versorgen können. Zwei Frauen, die das Mobiliar, das Handwerkszeug zum Schreiben und die Erinnerungen aus dem letzten mit ins 21. Jahrhundert getragen haben. Die aufgrund ihrer schmerzlichen und schönen Erfahrungen ihrer langen Leben verletzlich geworden sind, und gleichzeitig eine große Ruhe ausstrahlen, weil sie so viel gesehen haben. Und die, weil so viel hinter ihnen liegt, jedem Tag, den sie noch erleben dürfen, etwas Kostbares verleihen.

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ingrid Ebeling (Montag, 18 Februar 2013 10:31)

    Liebe Annabell, da mich die Gedichte von Hilde Domin immer wieder sehr berühren, interessiert mich ganz besonders der o. a. Film über sie und mit ihr. Gibt es ihn auch als DVD zu kaufen?
    Im Übrigen könntest Du - was immer wieder die vom Leben geprägten und couragierten Frauen der Vor- und Nachkriegszeit angeht - auch unsere jetzt 94jährige Tante Illeaus Strausberg interviewen. Sie spielt mit ihrem 6jährigen Enkel Anton trotz Gehhilfe noch Fußball im Garten , schreibt täglich ein paar Briefe und versorgt sich in eigener Wohnung noch weitgehend selbst.
    Herzliche Grüße, Ingrid