Ich war draußen - meine Visionensuche im Tessin
Ich bin zurückgekehrt aus der Natur. Vier Tage und vier Nächte war ich alleine, fastend, im Regen und Gewitter, dort am wilden Fluss im Tessin. Nun habe ich sie erlebt, die "Quest", die Visionensuche, wie sie in alten Kulturen seit jeher praktiziert wurde. Als Mutprobe im Übergang zum Erwachsenensein, und als Sinnsuche. Wie ich dieses Abenteuer als 40-jährige erlebt habe und warum ich keine Nacktschnecken mag, das erzähle ich hier.
Am ersten Morgen erbreche ich mich. Das Visionenfasten zeigt seine Wirkung und ich fühle mich wackelig auf den Beinen. Geschwächt lege ich meinen geschnitzten Holzpfeil neben meinen Schlafplatz in Richtung Wanderweg, an dem sich mein „Postkasten“ befindet. Dort soll ich täglich drei kleine Steine übereinanderstapeln als Zeichen, dass es mir gut geht. Langsam beuge ich mich zu Boden, um drei Steine aufzuklauben. Zwischen das Steintürmchen, das ich daraus errichte, klemme ich einen Zettel, auf dem ich darum bitte, mir meine Wasserflasche neu zu füllen. Ich bin erleichtert, dass ich das Team, das jeden Tag einmal vorbeikommt und nach dem Rechten schaut, danach fragen kann. Ich kann mir in meinem Zustand nicht vorstellen, bis zum Fluss zu laufen, und die vom Regen nassen Steine zum Ufer hinabzuklettern. Überhaupt kann ich mir gerade sehr wenig vorstellen. Ich schleiche zu meiner Plane, die ich dicht an einem Felsen und zwischen zwei Fichten aufgespannt habe, zurück und lege mich in meinen Schlafsack. Das Einzige, was ich jetzt möchte, ist endlos schlafen.
Die „Quest“, das uralte Ritual der Visionensuche – viel habe ich darüber gelesen. Nun habe ich mich aufgemacht, um sie an eigenem Leib zu erfahren. Ich wollte wissen, wie es ist, vier Tage und vier Nächte alleine in der Natur zu verbringen, fastend, ausgestattet mit dem Notwendigen. Ich wollte wissen, ob mir diese „Solozeit“ zu neuen Visionen verhilft und ob ich dieser Mutprobe gewachsen bin. Denn die „Quest“ ist genau das seit jeher in vielen Kulturen gewesen – ein Initiationsritus für Jugendliche, eine Reifeprüfung für das Erwachsenensein. Nun bin ich dieses Jahr 40 Jahre alt geworden und meine Jugend liegt lange zurück. Trotzdem bin ich neugierig, ob mich diese Prüfung Versäumtes nachholen lässt. Und Mut brauche ich allemal. Denn auch wenn ich mich gerne in der Natur aufhalte und ich mir als Gartenbesitzerin viele Kenntnisse über Flora und Fauna angeeignet habe, so ist mir die Natur auch immer wieder fremd. Ich werde mir zu vielen Gelegenheiten meiner Wurzeln als Berliner Großstadtkind gewahr, die der Natur auf Ausflügen und Reisen einen „Besuch“ abstattete, aber nicht wirklich in ihr Zuhause war.
Das, was Ihr auf der Quest erlebt habt, sind Eure ganz persönlichen Schätze. Überlegt Euch gut, wem Ihr was davon erzählt.
Als Ausgangspunkt für unser Abenteuer dient uns der Bauernhof „Munt-la-Reita“. Nach sechzehnstündiger Anreise (mit Bahn, Bus, Bus und Postauto) erreichte ich diesen romantisch gelegenen Zipfel im Tessin. Mitten in blühenden Sommerwiesen liegt die Anlage, der Blick reicht bis zu den schneebedeckten Bergspitzen Italiens. Es ist ein guter Ort für eine Visionensuche. Die Natur ist so schön, dass sie sofort verzaubert, und der Hof selber eine Vision, die ein Schweizer Ehepaar im Geist der 68er in über zwanzigjähriger Schwerstarbeit aufgebaut hat. Damals, als die beiden herkamen, gab es in der Gegend eine große Landflucht, und die Menschen, denen sie bei ihrer Ankunft begegneten, schüttelten ob ihrer Pläne ungläubig die Köpfe. Hier ist man offen für das Tipi, das oben am Hang auf der Wiese zweier Esel steht, und zu dem wir während der Vor- und Nachbereitungszeit zu den täglichen Teachings pilgern. Auch als wir von einer Wanderung mit schwarzen Gesichtern zurückkehren, weil uns Shanti mit Holzkohle bemalt hat, begegnet man uns mit ruhigem Blick. Und als wir während der Solozeit zum Fluss hin verschwinden, denkt die ganze Hofgemeinschaft ob des unermüdlichen Regens an uns und wünscht uns alles Gute.
Der Regen schlägt gegen meine Plane, Stunde um Stunde. Es ist Nacht und ich liege in meinem Schlafsack. Soeben haben mich ein Geräusch und ein feuchtes Gefühl auf meiner rechten Wange abrupt geweckt. Eine Nacktschnecke ist von der Planendecke in mein Gesicht gefallen, entsetzt klaubte ich das klebrige Etwas von meiner Haut und schleuderte es weit von mir weg. Jetzt ist Nacktschneckenalarm ausgelöst, immer wieder leuchte ich mit der Taschenlampe meine nächste Umgebung ab. Die zahlreichen Weberknechte, die ich dabei entdecke, wie sie kreuz und quer über meinen Schlafsack eilen, machen mich nicht froher. So profan kann manchmal die Begegnung mit Tieren auf einer Quest sein. Nix da Schlange, nix da Adler. Jetzt kracht ein Donnerschlag, drei Nächte lang sollen mich Gewitter begleiten. Im Nachhinein erfahre ich, dass alle anderen QuesterInnen, die in nicht allzu weiter Entfernung von mir ihre Solozeit absolvieren, während der Unwetter besonders an mich dachten. Ich hatte ihnen erzählt, dass ich Respekt vor den Nächten hätte. Gewitter hatte ich dabei gar nicht gemeint, zu unwahrscheinlich scheint mir, dass der Blitz ausgerechnet mich in diesen Unweiten trifft. Auch die Nächte an sich entpuppen sich als viel weniger bedrohlich als gedacht. Viele Wochen vor meiner Anreise hatte ich abends in den dunkler werdenden Himmel geschaut und mich gefragt, ob ich nachts Panik bekommen würde und Angst vor Waldgeistern und Wildschweinen. Nun stellt sich heraus, dass die Nacht mir sogar Schutz bietet, weil sie mich durch ihre Dunkelheit unsichtbar werden lässt, und ich fühle mich sicher in meinem Revier. Nicht, dass ich in meiner improvisierten Unterkunft durchschlafe, aber das tue ich auch Zuhause selten. Wieder mache ich meinen Taschenlampencheck, gerade ist keine Nacktschnecke in Sicht. Ich falle zurück in meinen Mumienschlafsack und ziehe mir meine Wollmütze tief ins Gesicht.
Schon in der Vorbereitungszeit halten wir uns viel in der Natur auf. Es ist aufregend, wie schnell es uns gelingt, den Alltag hinter uns zu lassen und uns auf unsere unmittelbare Umgebung einzulassen. Morgens treffen wir uns zur Meditation auf der Wiese. Wir werden dazu ermuntert, den Boden unter unseren Füßen wahrzunehmen und behutsame Schritte darauf zu machen. Der bewusste, langsame Gang wird uns begleiten, die Langsamkeit erweist sich als ein wichtiges Tor zur Solozeit. Es geht bei keiner der Wanderungen darum, hektisch Kilometer zurückzulegen oder als Erster am Ziel zu sein, es geht um ein Gewahrwerden dessen, was ist. Wir beginnen zu sehen und erkennen in der Natur etliche Zeichen. Felsen bekommen Gesichter, Stämme erzählen Geschichten, Tiere hinterlassen Botschaften.
Wenn der Adler erscheint und am Himmel kreist, dann erscheint er, um Euch etwas zu erzählen. Er kommt nicht ohne Grund. Schaut, da fliegt er.
Am Nachmittag des dritten Tages zerre ich in einer regenfreien Pause meine Isomatte und meinen Schlafsack nach draußen auf eine Lichtung. Ich lege mich hin und schaue lange Zeit auf die mächtigen Fichten, die mir gegenüber stehen. Sie wirken düster auf mich und starr. Ich schaue ihre geraden Stämme an, die weit in die Höhe ragen, und bin diesen Bäumen auf einmal überdrüssig. Wie gut, dass ich kein Baum bin, schießt es mir durch den Kopf. Was für ein großes Geschenk, Mensch sein zu dürfen, mich zu bewegen und mir die Welt zu erschließen. Was darf ich alles in meinem Menschenleben entdecken und genießen! Ich nehme schon wahr, dass es auch hier auf diesem Fleckchen Erde Bewegung und Veränderung gibt – aber die Käfer, Hummeln, die Blumen und anderen Gewächse, sie scheinen mir um ein recht überschaubares System zu kreisen. Vielleicht ist es auch der Regen und die alles durchdringende Nässe, die mich ein wenig mürbe macht. Meine Wanderschuhe triefen und den Gestank meiner feuchten Socken, ziehe ich die Schuhe aus, mag ich nicht mal mir selber noch zumuten. Es wird gut sein, wieder in der Zivilisation und im Trockenen zu sein.
In der Mitte unseres Versammlungstipis liegen anfangs vier Steine. Sie markieren die Himmelsrichtungen des Lebensrads, einem Bedeutungssystems, das alle Aspekte des Lebens vereint. Jeder Tag der Vorbereitungszeit wird einer anderen Himmelsrichtung gewidmet, angefangen beim Süden, dem Ort der Kindheit und Unbeschwertheit, bis hin zum Osten, der Leere, Träume und den Tod symbolisiert. Es ist eine wunderbare spirituelle Einstimmung auf unsere Visionensuche, komplex und dabei sehr klar. Die Himmelsrichtungen geben uns auf einmal bei allem Tun eine Orientierung – wir werden mit kleinen Aufgaben in bestimmte Himmelsrichtungen in die Natur geschickt, und das erste Mal in meinem Leben halte ich danach Ausschau, wo sich der Norden befinden möge. Mit kleinen Fünden kehren wir in das Tipi zurück und am Ende unserer Zeit ist die Mitte reich geschmückt. Wurzeln, Steine, Blüten und Knochen markieren bedeutsame Momente, die wir mit uns in der Natur erlebt haben. Vor unserer Solozeit werden wir gebeten, im Süden Platz zu nehmen. Müssen wir uns im Tipi bewegen, geschieht dies immer im Uhrzeigersinn, rund um das Lebensrad. Abends wird der Bärenschädel, der den Westen markiert, sorgsam in eine Kiste verpackt, damit ihn sich nachts keine Tiere holen.
Die Süd-Nord-Achse heißt Flucht- und Suchtachse. Die geht Ihr entlang, wenn Ihr nicht bereit seid, den Westen mit seinem Bärenschädel zu durchwandern. Dann spielt Ihr das Erwachsenensein, ohne wirklich erwachsen zu sein.
Gleich am ersten Tag schleppe ich Steine aus dem Felsenwald, der dicht an meiner Plane liegt, herbei, und lege sie in einen Kreis. Uns wurde empfohlen, mit den wichtigsten Aufgaben wie dem Legen des Lebensrads und dem Sammeln des Feuerholzes nicht zu lange zu warten, denn das Fasten würde uns schwächen. Ich finde einen weißen, kristallenen Stein für den Süden, einen schwarzen, glatten für den Osten. Nach und nach ergibt sich das Rad mit der Mitte, ich finde es beruhigend, es in meiner Nähe zu wissen. Immer wieder suche ich es auf und verbringe eine Weile in einer der Himmelsrichtungen. Ganz natürlich ergibt sich auch hier, dass ich die Steine nach und nach schmücke und ihnen eine Bedeutung gebe. Hier mache ich eine Bestandaufnahme meines Lebens. Es könnte eine gute Vorbereitung für meine Vision sein, doch schon vor meiner Solozeit habe ich erkannt, dass ich zurzeit visionenfrei bin. Es klingt absurd, wozu dann eine so aufwändige Visionensuche mitmachen? Manchmal muss man losgehen, um festzustellen, dass man angekommen ist. Ich weiß um viele Zeiten in meinem Leben, in denen ich auf der Suche war, in denen ich dringend Antworten brauchte – so wird diese Zeit nahe des Wasserfalls, im endlosen Regen, eine Zeit der Dankbarkeit. Ich schmücke meine Steine mit dem Reichtum meines jetzigen Lebens, und lege so zahlreiche Blüten darauf, dass diese sich in Zartheit türmen.
Nach unserer Rückkehr wird uns viel Zeit gegeben, unsere Erlebnisse mit den anderen zu teilen. Wir versammeln uns wieder im Tipi, dieses Mal ist in ihm ein Thron erbaut, auf dem wir nacheinander Platz nehmen. Nachdem wir den Knochen des jungen Kamels, der auf dem Thron liegt, und damit unsere zurückliegende Kindheit geehrt haben, haben wir eine halbe Stunde, um unsere Geschichte zu erzählen. Es ist eine Zeit des Weinens und des Lachens, es gibt Großes und scheinbar Kleines zu berichten. Danach wird uns das Erzählte gespiegelt. Es sind poetische und magische Momente, in denen uns eine Wahrheit zurückgeschenkt wird und in denen uns mit großem Respekt vor unserem Mut und unserem Erleben begegnet wird. Dann werden von den Frauen und von den Männern in ihrem Kreis begrüßt und dürfen im Norden Platz nehmen, nach und nach leert sich der Süden. Ich teile meine Geschichte als Erste und als es zunehmend eng im Norden wird, weiche ich wieder in den Süden aus. Ein Kreis setzt sich fort und mir wird klar, dass ich immer wieder in meinem Leben durch die Himmelsrichtungen wandern werde, die Mitte als endliches Ziel.
Ich gebe Dir einen neuen Namen, ich singe Dir ein Lied. Ich ehre die Frau, die sich auf den Weg gemacht hat, in der Natur ihrer eigenen Natur zu begegnen.
Die letzte Nacht bricht an. Es ist die Wachnacht, in der wir wach bleiben und unser Feuer entzünden sollen. Da ich nicht weiß, ob es weiter regnen wird, habe ich den Nachmittag damit verbracht, meine Plane neu zwischen drei Bäumen zu spannen, so dass das Feuer hinunterpasst. Ich habe nur wenig Holz gesammelt, da die Bäume und Sträucher um mich herum so durchnässt sind, dass ich skeptisch bin, ob sie jemals brennen werden. Ich habe auch keine Symbole für Eigenschaften von mir in die Stöcker geritzt, wozu wir angeregt wurden. Nachdem ich den ganzen Nachmittag des dritten Tages mit einer Sterbebettmeditation verbracht habe, in der ich mir vorstellte, dass alle Menschen, die mir etwas bedeuten, zu mir kommen und ich ihnen Wichtiges mitteile, fühle ich mich von Ritualen gesättigt. Vielleicht ist es auch ein Zeichen dafür, dass ich meinen Teil erledigt habe und sowohl mein Körper als auch meine Seele entgiftet hat. Eigentlich sollen wir uns das Lebensrad so eng um unsere Feuerstelle legen, dass wir darin nur Platz zum Sitzen haben, aber ich sabotiere diese Anweisung. Trotz der Gefahr, dass ich dann leichter einschlafe, lege ich mir Isomatte und Schlafsack zurecht. Schon tagsüber war meine Gelassenheit der übrigen Zeit gewichen und ich fühlte mich unwohl. Auf einmal befielen mich Ängste, dass mich Wanderer entdecken und überfallen könnten, uralte Phantasien machten sich in mir breit. Der Felsenwald drückte auf meine Seele und ich sehnte mich nach Weite. Das ganze Unternehmen fühlt sich auf einmal grenzwertig an und ich beschließe, auf letzter Strecke besonders gut für mich zu sorgen. Nach einem abendlichen Gang zur Flussbrücke, auf dem ich das erste Mal zwei Questerinnen beim Wasserholen sehe, und in weiter Ferne unser Tipi, in dem sich unsere BegleiterInnen auf eine lange Nacht mit Gesang und Trommeln einstimmen, um uns so zu unterstützen, kehre ich gestärkt zu meinem Lager zurück. Die Nacht wird auf bizarre Weise noch schön. Das Feuer brennt tatsächlich nicht richtig, aber auch das Kokeln macht Spaß. Außerdem habe ich noch eine Kerze dabei, die ich neben meine Feuerstelle stelle und anzünde. Ich liege in meinem Schlafsack und schaue stundenlang in den flackernden Kerzenschein. Die Weberknechte kommen wieder zu Besuch, an die sechzig von ihnen irren um das Licht. Es ergeben sich irre Schattenspiele und als die Kerze bis auf einem Stummel heruntergebrannt ist, laufen die Spinnen immer wieder in die Flamme und verbrennen sich die langen Beine. Ab und an nicke ich ein, und die ganze Zeit fühle ich mich wie in Afrika. Die Kerze verlöscht genau in dem Moment, in dem die frühe Dämmerung anbricht. Sofort stehe ich auf und packe meinen Rucksack. Als ich das wilde Flusstal hinter mir lasse und schwankend vor Schwäche und Müdigkeit die Landstraße erreiche, kann ich nicht fassen, wie lieblich die Blumenwiesen hier wirken. Den Tränen nahe, pausiere ich kurz auf einem Felsvorsprung, esse zur Stärkung für die letzte Strecke einen Müsliriegel und binde das rote Band, das uns als Zeichen unserer bestandenen Solozeit mitgegeben wurde, um meinen Wanderstab.
In den letzten Tagen wird neben dem Tipi die Gemeinschaftsküche ein zentraler Ort für uns. Hier trocknen wir unsere nassen Schuhe im Ofen und hängen die Hosen über den Herd. Hier nehmen wir unsere erste Mahlzeit nach der Fastenzeit zu uns und steigern uns in den Genuss weiterer Speisen hinein. Die Quest trägt zur Verzauberung der Welt bei, heißt es. Alltägliches wird als besonders wahrgenommen, das gilt auf jeden Fall für das Essen. Ich bin gleichzeitig begeistert und verunsichert von meinem unersättlichen Appetit, den ich verspüre und der mich auch nach meiner Rückkehr nach Hause noch einige Tage begleitet. Dabei habe ich Lust auf pures Essen, alleine ein Stück Brot oder Käse ist ein Fest. In der Küche erden wir uns, wir albern viel und lachen. Die Anspannung der Vorbereitungszeit ist von uns gewichen und die Magie des Erlebten und des Geschichten-Teilens sucht das Profane als Ausgleich. Einige von uns kränkeln auch, jetzt, wo das Adrenalin nachlässt und die Seele zu verarbeiten beginnt. Am vorletzten Abend sind wir zum Abschied bei den Bauern in die gute Stube eingeladen. Ich sitze auf einem Sofa und blicke durch ein Fenster auf ein Stück Natur. So fühlt sich also Zivilisation an – irgendwie sehr beruhigend, und irgendwie bin ich auch froh, dass ich noch eine Nacht in meinem Zelt schlafen kann. Da ich eine weite Reise vor mir habe, muss ich noch einmal übernachten, die anderen QuesterInnen sind schon abgereist. Ich laufe ein letztes Mal zum Tipi hoch, das noch aufgebaut ist, hole einen kleinen Herzstein aus dem Lebensrad, den ich als Erinnerung mitnehmen möchte, und verabschiede mich von den Eseln. Ich trete an den Hang, von dem aus ich ins Tal hinüberschauen kann, in dem wir unsere Solozeit verbracht haben. Ich höre das Rauschen des Wasserfalls, das mich vier Tage und vier Nächte begleitet hat. In der letzten Nacht, in der ich bei der Kerze wachte, meinte ich, dazu Gesang und leises Glockengeläut zu hören. Als ich dies im Tipi erzählt hatte, sah ich nur, dass eine andere Questerin nickte, aber ich hatte vergessen, dem weiter nachzugehen. Ich schaue ins Tal, denke an all das, was wir dort unten erlebt haben, und begreife, dass wir in unserer Seele unterwegs gewesen sind.
Die Natur spiegelt Eure innere Natur wider. Diese Wahrheit werdet Ihr immer wieder nutzen können, denn Ihr wisst nun, wie. Ihr ward draußen.
3 Kommentare
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#1
Der Bericht ist wunderschön zu lesen und lässt die Zeit "da draußen" sehr gut nachempfinden. Wie die Natur unser Inneres widerspiegeln kann, ist mir noch nicht klar. Es ist doch immer derselbe Baum, derselbe Felsen, auf den ich schaue...
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#2
Liebe Bl3me,
auch ich finde es in der Tat immer noch geheimnisvoll, was es damit auf sich hat. Aber faszinierend war, dass wir, die wir unsere "Solozeit" alle in dem gleichen Gebiet absolvierten, ganz unterschiedliche Empfindungen dort hatten und mit ganz unterschiedlichen Geschichten nach Hause kamen. So ist es zwar immer derselbe Baum und derselbe Felsen, aber für Dich und mich kann er ganz unterschiedlich aussehen und wirken. Ich habe den Felsenwald, an dem ich campierte, beispielsweise als düster und bedrohlich empfunden. Dadurch kam ich mit alten Ängsten in Berührung, die nur ich in mir trage. Eine andere Person hätte vielleicht gesagt, hey, super, ein geiler Wald, ein gigantischer Schutzraum! Oder ich gehe an einem Felsen vorbei, in dem ich nur Felsen sehe - aber die nächste Person sieht in seinen Kanten und Schatten vielleicht das Gesicht seines Großvaters und wird damit eingeladen, seiner Ahnen zu gedenken... -
#3
Liebe Annabell,
ich habe deinen Bericht geradezu verschlungen. Echt. Das klingt total spannend und durch die Art und Weise, wie du den verfasst hast, habe ich das Gefühl, einen guten Eindruck mir davon machen zu können. Hut ab vor deinem Mut, „Quest“ einzugehen. Und so wie ich es verstehe, war die Zeit wohl auch sehr „bunt“.
Danke dafür, dass ich daran teilhaben durfte. 
