Di
18
Mai
2010
Visionenbuch, Kapitel Zwei, 6: Suche
Ein Wert, der mein Denken und Handeln lange bestimmt hat und mit dem ich meine Visionen sabotiert habe, war der Glaube, mit spiritueller Arbeit kein Geld verdienen zu dürfen. Sie lachen vielleicht, so abstrus erscheint Ihnen dies, und ich selber finde dies heute befremdend. Aber es ist wahr: Lange Zeit habe ich mich an diesem Glauben orientiert. Gespeist war er durch meine Hingezogenheit zum spirituellen Leben, das oft mit Askese gepaart ist. Ich liebte Geschichten von Nonnen und Mönchen, die zurückgezogen im Kloster ihren Glauben praktizieren und einmal am Tag mit einer leeren Schüssel durch das Dorf ziehen, um Speisen und Spenden zu empfangen. Nur habe ich aus dem Blick verloren, dass ich in einem anderen Gesellschaftssystem lebe und wahrscheinlich eher etwas auf den Deckel bekäme als etwas in die Schüssel, würde ich an fremde Haustüren klopfen. Außerdem habe ich spirituellen Tätigkeiten (gehe ich einmal von einem Unterschied zwischen spirituellen und profanen Tätigkeiten aus) damit seltsam entwertet, anstatt sie aufzuwerten, was eigentlich mein Bestreben war. Was nutzt mir eine spirituelle Tätigkeit, wenn ich im Alter verarmt vor mich hin lungere oder mir jede weltliche Freude versage?
Dieses krude Wertesystem führte mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung. Ich erinnere noch, wie ich schon vor zehn Jahren den tiefen Wunsch führte, Visionenarbeit anzubieten. Damals hatte ich "Der Weg des Künstlers" von Julia Cameron entdeckt und war Feuer und Flamme. In einem Urlaub arbeitete es kräftig in mir ob meiner Vision, den Weg des Künstlers professionell weiterzugeben, um weinend auf einer Bank in den Dünen zu landen. Nein, für diese Arbeit könnte ich nie und nimmer Geld nehmen, so heilig war sie! Aber da ich kein Geld dafür annehmen konnte, aber Geld brauchte, konnte ich die Arbeit also auch nicht anbieten. Punkt.
Da hätte ich noch tausend Mal öfter eine Vision von Wohlstand in meinen Visionenhefter schreiben können, in mir wütete ein Saboteur, den ich erst später erkannte und durch intensive innere und äußere Arbeit dingfest machte. Spätestens nach meiner ersten Selbstständigkeit weiß ich, dass j e d e ernstgemeinte Arbeit, spirituell oder "profan", unglaublich viel Arbeit macht. Und dass es ein gerechter und wichtiger Ausgleich ist, sich diese Arbeit angemessen bezahlen zu lassen.
Welche verrückten Wertesysteme kennen Sie?

