Do

06

Mai

2010

Buch Vision, Kapitel Zwei,2: Suche

Seine Lebensaufgabe finden – das klingt gewaltig und kann einschüchternd wirken. Auch ich beneide manchmal die Kulturen, in denen dem Einzelnen die Lebensaufgabe von anderen mitgeteilt wurde. Bei den Aborignees beispielsweise war es Brauch, dem Heranwachsenden ein Lebensschild, das „chirunga", zu überreichen. Auf diesem Schild hatten die Ältesten des Stammes den Lebensweg des Jugendlichen symbolisch verzeichnet. Er bekam eine Weisung, die seinem Inneren und Äußeren eine Richtung gab. Das klingt erst einmal einfacher, scheinen doch andere die Visionenfindung übernommen zu haben. Aber ich ahne, dass auch diese Variante den Einzelnen herausforderte. Immerhin musste das Vorgegebene mit seinem Inneren deckungsgleich sein oder werden, und er musste in die Verantwortung, die ihm von seinen Nächsten übertragen wurde, hineinwachsen.

 

Hinzu kommt, dass unsere gesellschaftlichen Strukturen so komplex und wechselhaft geworden sind, dass ein „chirunga" nicht mehr auszureichen scheint. Meine Lebensaufgabe kann sich im Laufe und gemäß den äußeren Umständen ändern. Ich bin aufgefordert, sie immer wieder auf ihre geltende Wahrhaftigkeit hin zu überprüfen und mich gegebenenfalls neu auszurichten. Die Festigkeit, die ich daraus erlange, verankere ich mein äußeres Tun und Sein mit meiner inneren Ausrichtung, ist es wert, mich dieser herausfordernden Arbeit zu stellen.

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