Di
27
Apr
2010
Buch Visionen: Kapitel Eins, Neun: Auszeiten
Krankheit ist eine der unfreiwilligen Auszeiten. Wie kann ich davon profitieren, wenn mein Körper nicht mehr „funktioniert" und
lahm gelegt ist? Auch hier entferne ich mich vom Alltag und lebe - mal für kürzer, mal für länger - in einer Art Vakuum. Während mein Körper mit den Symptomen kämpft, arbeitet meine Seele, oft unbewusst, durch, was gewesen ist. Ich siebe aus, was mir in meinem Leben gefällt und was mich belastet, und justiere meinen inneren Kompass neu. Als Kinder wurde uns nach Krankheiten immer gesagt, wir seien ein Stück gewachsen. Ich habe diese Wahrnehmung auch heute noch - zumindest, was das innere Wachsen anbelangt.
Aber auch ganz konkret kann ich, krank und im Bett sitzend, an meinen Visionen arbeiten. Ich mag die Phase, wenn ich den Tiefpunkt überschritten habe und mich auf dem Weg der Besserung befinde. Noch bin ich zu schwach, um mich anzuziehen und den Einkauf zu erledigen - aber mein Geist ist hellwach und äußerst offen dafür, sich inspirieren zu lassen. Das sind die Tage, an denen ich mir Bücherstapel ins Bett hole und Notizen zu meinen Projekten mache - das sind die Nächte, in denen ich wach liege, weil die Ideen nur so in mich hinein- und aus mir herausströmen.
Krankheiten sind nicht nur gute Auszeiten, um Visionen zu mehren, sondern auch, um sie auszusortieren. Denn Krankheit wirft mich immer auf das Hier und Jetzt mit seinen endlichen Möglichkeiten zurück. Sie holt mich aus dem Hamsterrad der alltäglichen Verpflichtungen heraus, in dessen Tempo Allmachtsphantasien wachsen können. Die ganz reellen körperlichen Einschränkungen, die Krankheiten mit sich bringen, können mich neue Demut lehren und die Freiheit schenken, auf meiner großen langen Liste meiner Visionen Prioriäten zu erkennen und das Zuviel zu streichen.
Ich habe diese Lektion vor einigen Jahren durch eine Grippe gelernt. Noch kurz zuvor befand ich mich in einem wahren Höhenflug, was meine Visionen für die kommenden Jahre anbetraf. Ich brauchte buchstäblich eine Rolle Packpapier, um all meine Projektideen aufzuschreiben und zu sortieren. Ich sehe mich noch auf dem Boden meines Wohnzimmers sitzen, erregt über die braunen Bögen gebeugt. Ich verschob hier und da meinen Zeitplan, war mir doch aufgefallen, dass ich mir Beträchtliches vorgenommen hatte. Dass es zu viel sein könnte, dass es gar vermessen war, das kam mir nicht in den Sinn. Doch unmittelbar, nachdem ich meine Notizen und Zeichnungen beendet und die Bögen zusammengerollt hatte, streckte es mich nieder. Ich bekam eine Grippe, die mich für Wochen schwächte und immer wieder ins Bett trieb. Nach meinen geistigen Höhenflügen hatte ich buchstäblich das Gefühl, auf dem Boden aufzuschlagen und in die überschaubaren Grenzen meines Körpers verwiesen worden zu sein. In dem Verhältnis, in dem der Gang zur nächsten Straßenbahnhaltestelle zu einer langatmigen Meisterleistung wurde, in dem Verhältnis entpuppten sich meine Visionen als größenwahnsinniger Marathon, der mich über Jahre in Atem halten würde, machte ich sie wahr. Meine Krankheit lehrte mich Demut und ließ mich meine Visionen auf radikale Weise streichen. Noch heute ist die Packpapierrolle in mein Gedächtnis gebrannt und die damalige Grippe als ein elementarer Wendepunkt meiner Visionenarbeit.

